Aderlass erklärt! Wirkung, Durchführung & Anwendung

Die aus- und ableitenden Methoden sind Behandlungsmaßnahmen, die eine jahrtausendalte Tradition besitzen. Sie basieren auf der These, die bereits von der ägyptischen und babylonischen Medizin aufgestellt wurde, dass Krankheiten entstehen aufgrund einer „schlechten“ Zusammensetzung der Blut- und Körpersäfte.
Diese Krankheitslehre wird auch unter dem Begriff Humoraltherapie zusammengefasst. Es war der Verdienst von Dr. Bernhard Aschner (1883-1960), der die ausleitenden Verfahren in der Neuzeit wieder in Erinnerung gebracht hat. Die wichtigsten Humoraltherapien nach Aschner sind der Aderlass, der Baunscheidtismus, das Setzen von Blutegeln und Kantharidenpflaster sowie das Schröpfen.

Der Aderlass

Jahrhundertelang war der Aderlass entweder die wichtigste Heilmaßnahme oder gänzlich verpönt. Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen allerdings die Wirksamkeit. In der Regel wird dem Patienten im Abstand von 2-4 Wochen 1/4 Liter Blut abgelassen. Der Blutverlust bedingt eine veränderte Kreislaufsituation, entlastet den Herzmuskel und hat eine Umstimmung des Organismus zur Folge: die Immunabwehr wird aktiviert. Zudem verbessert sich die Fließeigenschaft des Blutes.

Der Baunscheidtismus: Heilen mit dem Lebenswecker

Diese Methode geht auf den deutschen Feinmechaniker Carl Baunscheidt (1809- 1873) zurück. Baunscheidt litt an Rheuma in einer Hand. Als ihn eine Mücke in diese Hand stach, bemerkte er, wie der Rheumaschmerz nachließ. Um die Mückenstiche künstlich nachzuahmen erfand er daraufhin den „Lebenswecker“, ein Gerät mit 33 feinen Nadeln und Spiralfeder, das durch Knopfdruck feine Nadelstiche auf der Haut erzeugt. Zudem bereitete der Erfinder ein hautreizendes Öl, das die Wirkung des Mückensekrets nachahmen sollte.

Bei einer Baunscheidt-Behandlung desinfiziert der Therapeut zuerst die Hautstelle. Mit dem Baunscheidt- Hammer wird die Haut zirka 1-2 Millimeter tief eingeritzt. Auf die Einstichstellen trägt man dann das hautreizende Baunscheidtöl auf. Diese Hautreizung verursacht eine Quaddelbildung, und es können sich mit Eiter gefüllte Bläschen entwickeln. Diese platzen nach etwa 10 Tagen auf, trocknen aus, und die Haut heilt wieder ab. Der künstlich gesetzte Reiz soll Entzündungen aus dem Entzündungsherd weglenken.

Im Allgemeinen wird durch die Baunscheidt-Behandlung eine Verbesserung der Schmerzzustände bei Rheuma und Neuralgien (Nervenschmerzen) erreicht. Werden Hautstellen behandelt, die den Organ-Reflexzonen des Körpers (das sind Stellen, die über Nervenbahnen mit den Organen korrespondieren) entsprechen, kann dadurch auch auf bestimmte Organe eine Reiz ausgeübt werden.

Setzen von Blutegeln

Aufgrund der ekelerregenden Vorstellung seitens der Patienten, wird diese Behandlungsform kaum mehr angewandt. Dennoch gibt es einige spezialisierte Apotheken, bei denen Blutegel auch heute noch bezogen werden können. Die Wirkung dieser Therapie ist einerseits dem Aderlass ähnlich. Darüber hinaus verfügen Blutegel über antibiotische Stoffe, die dem Patienten übertragen werden. Die Speicheldrüsen des Egels sondern zudem die Substanz „Hirudin“ ab, die die Blutgerinnung verhindert.

In der Regel werden fünf bis zehn Egel angesetzt, die nach etwa einer Stunde vollgesaugt sind und abfallen. Bei einer Nachblutung kommt es zum Abfluss von toxinbelasteter Lymphflüssigkeit, was die Verbesserung der Fließeigenschaften des Blutes bewirken soll.

Das Kantharidenpflaster

Das Setzen eines Kantharidenpflasters ist eine ähnliche starke Reiztherapie wie der Baunscheidtismus und zielt auf den gleichen Heileffekt ab, nämlich den Organismus umzustimmen oder lokale Entzündungen quasi über eine künstlich gesetzte auszuleiten. Das Spezialpflaster, das in jeder Apotheke erhältlich ist, wurde mit einem Extrakt der Spanischen Fliege beschichtet. Der Hauptwirkstoff Cantharidin wirkt äußerst stark hautreizend, so dass es innerhalb von sechs bis zwölf Stunden zu einer hochgewölbten Brandblase kommt. Mit einer sterilen Nadel wird die Blase dann aufgestochen und die Hautreizung mit Gaze bedeckt.

Schröpfen

Am Rücken befinden sich viele Reflexzonen (die sogenannten Headschen Zonen), die über Nerven mit den einzelnen Organen in Verbindung stehen. Der geschulte Behandler erkennt anhand der Beschaffenheit des Rückens, wo er die Schröpfköpfe ansetzen muss. Je nach Organüber- oder unterfunktion gibt es Areale die eher seicht eingedellt oder erhöht sind, wärmer als andere Stellen oder eher schlecht durchblutet sind.

Je nach Indikation wird der Behandler blutig oder unblutig schröpfen. Blutiges Schröpfen entleert eine Überversorgung an Blut und Lymphe, unblutiges Schröpfen hingegen leitet die Säfte in die eher unterversorgten Regionen. Beim Schröpfen setzt der Behandler bis zu zwölf der glockenförmigen Schröpfgläser auf den Rücken des Patienten. Kurz vor dem Aufsetzen hält er einen brennenden Wattebausch unter das Glas. Dadurch entsteht ein Unterdruck, und das Glas saugt sich auf der Hautoberfläche an. Beim blutigen Schröpfen ritzt er die Haut zuvor mit einem Schröpfschnäpper an. Die Schröpfgläser verbleiben für etwa 10-15 Minuten auf dem Rücken.

Hauptanwendungsgebiete

Bei allen chronischen Erkrankungen, Rheuma, Neuralgien, Kopfschmerz und Migräne, Nacken- und Rückenschmerzen, Menstruationsstörungen, Toxinbelastungen des Körpers sowie bei Abwehrschwäche.